Junge Menschen ausbilden
Einblicke in die Biodynamische Ausbildung – Yanila Gosewisch Osorio
Yanila Gosewisch Osorio ist in den Anden im Süden Kolumbiens aufgewachsen. Ihre Familie betreibt in einem kleinen Dorf ein agrarökologisches Bildungszentrum, in dem Permakultur, ganzheitliche Ökologie und gemeinschaftsbasierte Ansätze vermittelt werden.
In Deutschland hat Yanila im Gemüse- und Samenbau gearbeitet und seit dem Jahr 2023 ist sie Seminarleiterin für die Biodynamische Ausbildung im Norden.
Liebe Yanila, welche Aufgaben übernimmt eine Seminarleitung?
Als Seminarleiterin begleite ich Lernprozesse auf fachlicher und persönlicher Ebene. Dazu gehört die Vorbereitung und Durchführung von Seminaren, Kontakt erstellen zu Referent*innen für fachliche Inhalte, die Moderation von Gruppenprozessen sowie die Unterstützung der Auszubildenden in ihrer Entwicklung, sowohl praktisch in der Landwirtschaft und dem Gemüsebau als auch in ihrer Rolle innerhalb von Gemeinschaften.
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist es, Räume für gemeinsames Lernen zu schaffen, in denen Erfahrung, Reflexion und Austausch miteinander verbunden werden.
Was begeistert dich an der Biodynamischen Ausbildung?
Mich begeistert vor allem der ganzheitliche Ansatz. Landwirtschaft und Gartenbau werden nicht nur als Produktion verstanden, sondern als lebendiger Organismus, der Boden, Pflanzen, Tiere und den Menschen miteinander verbindet.
Das Besondere ist für mich die Verbindung von praktischer Arbeit, innerer Entwicklung und sozialem Lernen. Es geht nicht nur darum, Fähigkeiten zu erlernen, sondern auch ein Verständnis für Verantwortung, Beziehung und langfristige Regeneration zu entwickeln.
Ich erlebe die Ausbildung als einen Raum, in dem junge Menschen nicht nur einen Beruf lernen, sondern auch ihren eigenen Weg und ihre Haltung zur Welt vertiefen können.
Was braucht es aus deiner Sicht, damit sich mehr junge Menschen für einen Weg Landwirtschaft entscheiden?
Viele junge Menschen suchen nach sinnstiftenden Tätigkeiten, nach Gemeinschaft und nach Möglichkeiten, aktiv an einer regenerativen Zukunft mitzuwirken. Landwirtschaft kann genau das bieten, wenn sie als lebendiger, kreativer und sozialer Raum erfahrbar wird.
Wichtig sind dafür aus meiner Erfahrung folgende Aspekte:
• Lernorte, die Praxis, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung verbinden
• Wertschätzung und faire Arbeitsbedingungen
• bessere Sichtbarkeit von den vielfältigen Wegen innerhalb der Landwirtschaft
• und Räume, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen und mitgestalten können
Gerade Ansätze wie Permakultur und bio-dynamische Landwirtschaft können hier Brücken bauen, weil sie ökologische, soziale und kulturelle Dimensionen miteinander verbinden und auch Perspektiven jenseits eines rein produktionsorientierten Systems eröffnen.
Vielen Dank für den Austausch, Yanila!
Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft fördert die Biodynamische Ausbildung schon seit vielen Jahren. Das Netzwerk Biodynamische Bildung bildet das Dach von sechs Ausbildungsinitiativen, die die Ausbildung bundesweit koordinieren. Vier Ausbildungsregionen und zwei Landbauschulen gestalten dabei den Rahmen für Ausbildungsbetriebe und die Auszubildenden.
Der Januarkurs – Inspirierende Tage auf dem Dottenfelderhof
Im Januar 2026 durfte ich, Evelyne von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, mehrere Tage am Januarkurs der Landbauschule Dottenfelderhof in Bad Vilbel teilnehmen. Gemeinsam mit Auszubildenden der Biodynamischen Ausbildung aus den Regionen Ost und West habe ich vielfältige Einblicke in Inhalte und Praxis dieser besonderen Ausbildung erhalten.
Die Landbauschule Dottenfelderhof empfängt zweimal im Jahr jeweils zwei Ausbildungsgruppen für vier Wochen. Unterrichtseinheiten, Führungen und Zeit, um am eigenen Portfolio zu arbeiten, sorgen für abwechslungsreiche und kurzweilige „Schultage“. Bei der Führung zur Bewässerungstechnik und Heutrocknung zeigte uns der Landwirt Maschinen und Technik auf dem Hof und es wurde gemeinsam über die Betriebsabläufe gesprochen. Am Mittwochmorgen ging es direkt in die Folientunnel, um über die Fruchtfolge im Gemüsebau sowie praktische Tipps und Tricks zu den Themen Bodenpflege, Pflanzabstände und Ernte zu sprechen. Abgerundet wurden diese Eindrücke durch abendliche Berechnungen zu Saatgut- und Kompostmengen, die die enge Verbindung von Praxis und Planung verdeutlichten.
Inhaltliche Impulse kamen unter anderem von Martin von Mackensen, der die Stickstoffproblematik historisch einordnete sowie zur Tierhaltung und zur Mensch-Tier-Beziehung sprach. Besonders letzteres hat mich sehr berührt und knüpfte an ein Gespräch an, das ich am Vortag mit einer jungen Frau geführt hatte. Sie melkt seit einem Jahr Kühe und hat mir von ihrer Verbundenheit zu den Tieren erzählt. In den ersten Tagen auf dem Hof hatte sie noch großen Respekt vor den Tieren, doch nun liebt sie die Arbeit mit ihnen.
Ein weiterer Schwerpunkt waren Agroforstsysteme mit Dr. Philipp Weckenbrock von der Universität Gießen. Er lernte tropische Systeme während seiner Auslandsaufenthalte in Bolivien und Brasilien kennen und übertrug diese im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität Gießen auf den Gladbacherhof und damit auf die deutsche Kulturlandschaft. Zwischendurch schauten wir uns bei einem ausführlichen Rundgang den Obstbau und die Heckenstrukturen auf dem Dottenfelderhof an.
Dr. Johannes Wirz, Biologe und Imker, sowie ehemaliger Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum und langjähriger Vorstand von Mellifera e. V., führte uns in die beeindruckende Welt der Bienen ein und weckte Begeisterung für diese intelligenten Insekten und ihre Organisationsform.
Neben den aktuellen und relevanten Inhalten im Ökolandbau war für mich der Austausch mit den Auszubildenden besonders bereichernd. Ihre Erfahrungen aus der Praxis und die gemeinsamen Gespräche haben gezeigt, wie vielfältig die Wege in der Landwirtschaft sind und dass Lernorte, die den Austausch fördern, für die persönliche und berufliche Entwicklung von wesentlicher Bedeutung sind.
Vielen Dank an die Deutsche Postcode Lotterie, die die Biodynamische Ausbildung seit 2020 regelmäßig fördert. Auch im Ausbildungsjahr 2025/2026 wurden die Kurse an der Landbauschule Dottenfelderhof sowie die Ausbildungsberatung, die die Ausbilder*innen sowie Auszubildenden vor Ort begleitet, unter anderem durch diese Förderung ermöglicht.
Mit Hingabe und Mut für gute Lebensmittel
Im Mai 2024 erregte eine Meldung von wirGarten (1) Aufsehen in der Gemüsebau-Szene. Für einen Gemüsebau-Betriebe konnte trotz intensiver Suche keine einzige Bewerbung für die Hofnachfolge verbucht werden. Daraufhin hat sich das Team von wirGarten mit dem Bildungsangebot im Gemüsebau auseinandergesetzt und festgestellt, dass im Ausbildungsjahrgang 2023 bundesweit nur 159 Plätze besetzt waren – bei rund 6.000 Gemüsebaubetrieben in Deutschland. Dass das nicht reicht, um alle Betriebe mit Fachkräften zu versorgen, ist eine nachvollziehbare Konsequenz.
Auch in der Landwirtschaft fehlt Nachwuchs. Auf 255.000 landwirtschaftliche Betriebe, davon rund 28.000 Bio-Betriebe (2), wurden im Jahr 2022 6.900 Ausbildungsverträge (3) gezählt. Gleichzeitig geben rund 63 % der Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter über 55 Jahre an, bisher keine Nachfolgeregelung zu haben. Dies betrifft rund 110.000 Betriebe (4). Auch hier fehlt es an ausgebildeten Fachkräften, die in den nächsten 10 Jahren Verantwortung in der Landwirtschaft übernehmen können.
Die Gründe für die niedrigen Ausbildungszahlen sind vielfältig, aber einige wichtige Aspekte lassen sich kurz zusammenfassen:
- Das Höfesterben setzt sich seit vielen Jahren fort. Es gibt immer mehr große Betriebe, die kleineren Höfe weichen dem wirtschaftlichen Druck.
- Fehlendende gesellschaftliche Anerkennung, finanzielle Unsicherheiten und eine hohe Arbeitsbelastung machen den Beruf Landwirtin/ Landwirt weniger attraktiv.
- Immer weniger Menschen haben einen echten Bezug zur Landwirtschaft und zur Lebensmittelproduktion.
Erste Ausbildung im Ökolandbau
Schon in den 70er Jahren machten sich biologisch-dynamische Betriebe Gedanken um ihren Nachwuchs. Da die staatliche landwirtschaftliche Ausbildung wesentliche Grundgedanken und Aspekte des Ökolandbaus nicht thematisierte, gründeten biologisch-dynamisch wirtschaftende Höfe und Gärtnereien schon im Jahr 1978 die Freie Landbauschule Bodensee. 1983 folgte dann die sogenannte „freie Ausbildung“ in Norddeutschland. Weitere Ausbildungsinitiativen kamen über die Jahre hinzu und seit 2019 koordiniert das Netzwerk Biodynamische Bildung vier Ausbildungsregionen. Zusätzlich gibt es weiterhin das Angebot der Landbauschule Bodensee, seit 2023 sogar einen Meisterkurs.
Obwohl die Biodynamische Ausbildung mit jährlich rund 200-250 Auszubildenden und 250 Ausbildungsbetrieben ein zahlenmäßig eher kleines Angebot schafft, ist sie für den Ökolandbau von großer Bedeutung. Neben den jungen Menschen, die sich für die Landwirtschaft entscheiden, engagieren sich auch zahlreiche Ausbildungsbetriebe in der Bildungsarbeit, über die Betreuung ihrer Auszubildenden hinaus. So ist über die Jahre ein starkes Netzwerk, immer eng an der Praxis orientiert, gewachsen, welches gemeinsam aktuelle Herausforderungen meistert und als kleine und vielfältige Bildungsinitiative viel bewegt.
Aktuell befindet sich z.B. die Ausbildung im Norden in der Anerkennung als Ersatzschule. Nach der dreijährigen Übergangszeit kann die Biodynamische Ausbildung dort mit Unterstützung staatlicher Fördermittel als private Alternative zur staatlichen Berufsschule besucht werden. Bisher wird die Bildungsarbeit fast ausschließlich durch Spenden und Stiftungsmittel ermöglicht.
Umfrage unter den Auszubildenden fällt positiv aus
Im Jahr 2023 stießen Auszubildende der Biodynamischen Ausbildung eine Umfrage (5) unter allen Auszubildenden an, um gemeinsame Herausforderungen zu identifizieren. Es zeigte sich, dass die allermeisten mit dem Arbeits- und Betriebsklima zufrieden sind und ihnen die Arbeit Freude bereitet. Aber auch unbequeme Themen wie lange Arbeitszeiten sowie körperliche und psychische Belastung beschäftigen sie und werden nun gemeinsam mit kritischen Anmerkungen bearbeitet, um die Bedingungen zu verbessern.
Und das ist auch das Besondere an der Biodynamischen Ausbildung: Neben den fachlichen und praktischen Inhalten werden auch Eigeninitiative und Mut zur Veränderung vermittelt - wesentliche Fähigkeiten zur Gestaltung einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.