Aktuelles

Drei Fragen an Verena Simon-Kutscher

Ökologische Züchtung im Sinne von Erhaltung und Erweiterung der Kulturpflanzendiversität für die Nutzung in ressourcenschonenden Anbausystemen ist für mich ein zentrales Element zukunftsfähiger Agrar- und Ernährungssysteme.“

Gemeinsam mit einem großen Team arbeitet Verena Simon-Kutscher als Pflanzenzüchterin für die Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk). Die Züchter*innen bearbeiten hier eine große Bandbreite an Getreidearten, wie Weizen, Dinkel, Triticale und Emmer, aber auch Leguminosen, wie Platterbse und Lupine.

Warum bist du ökologische Pflanzenzüchterin geworden?
An der Pflanzenzüchtung fasziniert mich vor allem die Verbindlichkeit in der Beziehung zur Kulturpflanze, welche mit jeder Kreuzung oder Selektion eingegangen wird. Die Vielfalt im Zuchtgarten zu erleben ist manchmal überwältigend und anstrengend, aber stets mit Freude und Dankbarkeit verbunden. Als ich 2022 bei der gzpk in die biologisch-dynamische Pflanzenzüchtung einstieg, wurde mir rasch klar: Da geht meine Reise hin. Ökologische Züchtung im Sinne von Erhaltung und Erweiterung der Kulturpflanzendiversität für die Nutzung in ressourcenschonenden Anbausystemen ist für mich ein zentrales Element zukunftsfähiger Agrar- und Ernährungssysteme. Anfangs hat es mich überrascht, wie wenig die Saatgutarbeit im Vergleich zu anderen Bereichen der Ökolandwirtschaft vorangetrieben wurde. Auch da sich einige Menschen trotz vieler Widerstände bereits vor Jahrzehnten auf den Weg machten, können wir heute an dem Transfer von ökologisch gezüchteten Sorten in die breitere Praxis arbeiten. Über den konkreten Anwendungskontext ihrer „Produkte“ hinaus beinhaltet die ökologische und besonders die biologisch-dynamische Züchtung für mich eine Werte- und Schulungsgemeinschaft, deren Blick auf Agrarkultur, Ethik der Pflanzen und Nahrungsqualität mir sehr wertvoll geworden ist. Ich schätze die Beständigkeit in den wiederkehrenden Abläufen der Züchtungsjahre – ein unter den heutigen Verhältnissen fast schon widerständiger Ruheraum, der aber stets mit dem zu übenden Denken und Handeln aus der Zukunft heraus und der Auseinandersetzung mit aktuellen wissenschaftlichen Themen zu verbinden ist. 

An welcher Kultur hast du zuletzt intensiv gearbeitet und was ist das Besondere an ihr?
Ich arbeite hauptsächlich an Weizen – mit Fokus auf Entwicklung von Ökologisch Heterogenem Material (ÖHM). Weizen zählt zu den Kulturpflanzen mit der intensivsten züchterischen Bearbeitung und das Leistungsniveau ist hoch. Es besteht dadurch ein sehr spezifisches Erwartungskorsett an die Sorten aus der Branche. Die züchterische Entwicklung von ÖHM kann auf diesem hohen Niveau aufbauen und zugleich eine ganz neue Perspektive eröffnen. Ziel ist dabei, das stimmige Zusammenspiel von diversen genetischen Komponenten zu ermöglichen, und so im Anbau die Stabilität von Ertrag und Qualität unter schwankenden Jahresbedingungen zu verbessern. Die vielen Möglichkeiten in der Zusammenstellung und Entwicklung von ÖHM sind spannend und zugleich komplex. Die bislang recht dynamischen Verhältnisse rund um diese noch junge Saatgutkategorie sehe ich als Chance und Herausforderung. Der Austausch im Team und mit weiteren Züchtungsinitiativen ist mir auch deshalb sehr wichtig.

Welche Superkraft braucht man als ökologisch arbeitende Pflanzenzüchterin?
Als eine gute Grundlage für diese Arbeit erscheint mir die Anschauung der Phänomene der Pflanzenwelt und ihrer Lebenszusammenhänge im Allgemeinen und die Beschäftigung mit dem Wesen der Kulturpflanzen im Spezifischen. Dies ist mehr ein Prozess als eine abrufbare Superkraft. Unter der Fülle an Bildern und Daten im Zuchtprogramm braucht es dann Entscheidungsfreude und Mut, zu den Konsequenzen der Selektion zu stehen, was ich als sehr anspruchsvoll erlebe. Neben der in unseren Kreisen viel besprochenen Zuwendung zu den Pflanzen erscheint mir auch ein Augenmerk auf die sozialen Fähigkeiten wesentlich für ein ernsthaft gemeinschaftliches und verbindendes Arbeiten. Hartnäckigkeit, Zuversicht und eine Prise Humor können dabei helfen, angesichts nicht immer unterstützender Umstände an der Aufgabe dranzubleiben. Ein realistischer Blick auf die Welt, in der wir leben ist hilfreich – was nicht davon abhalten muss, die Vision einer wirklich gesellschaftlich getragenen ökologischen Züchtung zu verfolgen. 

Hintergrund: Die gzpk (Getreidezüchtung Peter Kunz) ist eine biodynamisch arbeitende Züchtungsorganisationen in Europa mit Sitz in Feldbach in der Schweiz. Als gemeinnütziger Verein erforscht und züchtet gzpk Kulturpflanzen seit 40 Jahren für die biologische Landwirtschaft. Die gzpk steht für «Bio von Anfang an» und setzt sich seit vielen Jahren für eine große Vielfalt vom Acker bis zum Teller ein.

Eine Frau mit langen blonden Haaren steht in einem Getreidefeld und lächelt in die Kamera.
Die Züchterin Verena Simon-Kutscher; Foto: Getreidezüchtung Peter Kunz
Eine Frau steht in einem grünen, niedrigen Getreidefeld.
Die Züchterin Verena Simon-Kutscher in einem Feld mit heterogenen Dinkel. Foto: Getreidezüchtung Peter Kunz

Weitere Neuigkeiten

Saatgutfonds: Züchterportrait Verena Simon-Kutscher

REWE unterstützt biodynamische Züchtung

Gegen das neue Gentechnikrecht – Slowakei kündigt Klage an