Züchterportraits
2026 feiern wir: 30 Jahre Saatgutfonds
Ab Januar 2026 stellen wir Ihnen hier monatlich eine*n Züchter*in vor. Die Züchter*innen und ihre Projekte werden über den Saatgutfonds gefördert. Wir möchten Ihnen so im Jubiläumsjahr des Saatgutfonds die Möglichkeit bieten, die Züchter*innen etwas genauer kennenzulernen. Das weitere Programm für das Jubiläumsjahr finden Sie hier.
Züchterportrait im April – Yann Isler
«Schnell hat mich das Zusammenspiel mit der Natur und das in der Züchtung konstante Aufkommen von Neuem fasziniert. Auch die Perspektive, einen aktiven Einfluss auf die Entwicklung einer neuen Sorte nehmen zu können, hat mir von Beginn an sehr gut gefallen.»
Im schweizerischen Kanton Solothurn liegt der Apfelzüchtungsbetrieb Poma Culta, geleitet von Niklaus Bolliger. Seit einigen Jahren wird er von Yann Isler unterstützt, der die Verantwortung für die Züchtung mit dem Generationswechsel übernehmen wird. Er berichtet im Folgenden von seinem Weg in die ökologische Pflanzenzüchtung.
Warum bist du ökologischer Pflanzenzüchter geworden?
Ich bin auf einem kleinen, ökologischen Landwirtschaftsbetrieb in der französisch-sprechenden Schweiz aufgewachsen und durfte so bereits als Kind die Landwirtschaft und insbesondere die Pflanzen «von nah dran» wahrnehmen. Auch wurde ich seit jüngstem Alter Zeuge, eines ökologischen Anbaus, der aus Überzeugung gemacht wird und konsequent mit der Natur arbeitet. Dieser Hintergrund hat meine Sicht auf die Welt – und ebenso auf die Landwirtschaft – stark geprägt und meinem Blickwinkel wohl sehr früh einen «öko»-Hauch verliehen. Nach einem ersten Teil Berufsleben, bei dem ich mich als Möbelschreiner mit der Holzbearbeitung befasst habe, verspürte ich vor fünf Jahren den Wunsch, meinen Wurzeln nachzugehen und statt Holz, den lebendigen Pflanzen – wieder – meine Aufmerksamkeit zu schenken. Im Rahmen und Parallel zu meinem 2022 angefangenen Agronomie-Studium, habe ich Poma Culta kennengelernt und begonnen da mitzuarbeiten. Über die vergangenen Jahre und jetzt bereits mehrere Vegetationsperioden durfte ich somit die wunderbare Welt der Apfelzüchtung an der Seite von Poma Culta-Gründer Niklaus Bolliger entdecken. Schnell hat mich das Zusammenspiel mit der Natur und das in der Züchtung konstante Aufkommen von Neuem fasziniert. Auch die Perspektive, einen aktiven Einfluss auf die Entwicklung einer neuen Sorte nehmen zu können, hat mir von Beginn an sehr gut gefallen. Nun freue ich mich riesig, dass ich mit beiden Füssen – aber einem nach dem anderen – in den Fußstapfen von Niklaus laufen und die Apfelzüchtung in gemeinsamer Gestaltung mit und für die Natur angehen darf. Dabei hoffe ich in den nächsten Jahren auf zahlreiche leckere, schöne, robuste Äpfeln beißen zu dürfen und diese spannende Kulturpflanze immer besser zu verstehen.
An welcher Kultur hast du zuletzt intensiv gearbeitet und was ist das Besondere an ihr?
Der Apfel ist sowohl meine erste Kultur, als auch die, mit der ich mich aktuell durch das Züchten intensiv befasse. Entsprechend habe ich keinen echten Vergleich aus eigener Erfahrung zu bieten. Aber, dass es sich dabei um eine Dauerkultur handelt, die mehrere Jahren benötigt, um fruchtbar zu werden, ist sicher ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Dazu, aufgrund deren genetischer Beschaffenheiten, ist die Vererbung der meisten Merkmale komplex. Kurz gesagt, man kann sich dabei bemühen möglichst viel in der Hand zu haben, das letzte Wort aber hat die Natur!
Ich schätze die Vielfalt innerhalb des Apfels sehr und die Tatsache, dass immer wieder schöne Überraschungen aus dieser Vielfalt zu erleben sind.
Welche Superkraft braucht man als ökologisch arbeitender Pflanzenzüchter?
Ich glaube, dass für die Ausübung ökologischer Pflanzenzüchtung die Superkraft auf dem Zusammenspiel verschiedener Eigenschaften und Fähigkeiten beruht. Dabei gibt es wohl nicht nur ein Rezept. Eine erforderliche Qualität in meinem Gebiet ist sicher eine quasi-unerschöpfliche Neugier. Die Neugier, die Pflanze so zu betrachten, um sie – so gut wie möglich – zu verstehen und das Verständnis, das wir von der Kulturpflanze haben, in Zusammenhang mit der Nutzung zu bringen. Zweitens würde ich Geduld nennen, weil insbesondere bei der Züchtung von Äpfeln, der Prozess sehr lang ist, wodurch die Apfelzüchtung nur langfristig angeschaut werden kann. Aber auch Geduld im Kleinen ist wichtig: häufig beziehen sich die Beobachtungen auf große Pflanzen-Stückzahlen, und jede Beurteilung soll sorgfältig und konsistent durchgeführt werden.
Schließlich, dank der Erhebung von Daten und aufmerksamer Beobachtungen wird der wichtigste Schritt in einem Selektionsprozess ermöglicht: das Selektieren. Als Züchter muss ich also mein Auge und meine Entscheidungsfähigkeit stets trainieren, sodass ich anhand der mir vorliegenden Erkenntnisse die interessanten Nummern von den – doch – nicht interessanten Nummern trennen kann. Ich muss mich zwingend von denjenigen trennen können, die nicht – oder zu wenig – taugen. Diese Entscheidungs- / Trennungsfähigkeit konsistent auszuüben, nehme ich als herausfordernd wahr.
«Last but not least» muss die Bereitschaft, mit der Natur zu arbeiten vorhanden sein – auch wenn das manchmal heißt, kleinere Rückschläge zu verkraften. Das große Bild zählt!
Züchterportrait im März – Maryna Voloshyna
„Es ist wichtig, in der Pflanze ein Wesen zu sehen, ihr mit dem Herzen zu begegnen und nach Entwicklungswegen zu suchen, die für die Pflanze und für den Menschen harmonisch sind.“
Während im März die Aussaatsaison auf den Betrieben beginnt, hat sich Maryna Voloshyna, die Zeit genommen, uns ein paar Fragen zu beantworten. Sie arbeitet als Pflanzenzüchterin für die Getreidezüchtungsinitiative Cultivari im wendländischen Darzau.
Warum bist du ökologische Pflanzenzüchterin geworden?
Während meines Studiums des Pflanzenbaus mit Schwerpunkt Pflanzenschutz – damals ganz selbstverständlich vor allem konventionell – habe ich mich immer wieder gefragt: Muss eine Kulturpflanze wirklich so viele Pflanzenschutzmaßnahmen und Mineraldüngungen bekommen, nur um am Ende Ertrag zu bringen? Die großen Agrarkonzerne wie Syngenta oder Bayer boten sofort ihre Lösungen an. Gleichzeitig zeigten schon die vielen Sicherheitsmaßnahmen beim Arbeitsschutz, dass dieses System doch gar nicht so harmlos ist.
Seit 2009 arbeite ich im Bio-Bereich – zuerst in Deutschland, später auch in der Ukraine – und versuchte meinen Weg zu finden, die Welt um mich herum harmonischer zu gestalten. Ökologisch, biologisch-dynamisch, Agroforst, Permakultur – verschiedene Ansätze auf der Suche nach mehr Balance.
Erst um 2021 wurde mir bewusst, dass der größte Teil der Bio- und sogar Demeter-Landwirte Sorten anbaut, die ursprünglich für den konventionellen Anbau gezüchtet wurden und ihre Leistung oft nur mit entsprechendem Input erreichen. Gleichzeitig gab es in meinem Land niemanden, der ökologisch züchtet und bei dem ich praktische Erfahrungen hätte sammeln können.
Dann kam der Krieg, und ich musste mit meinem Sohn fliehen. Zuerst habe ich noch alte Projekte zu Ende gebracht, danach habe ich mich gefragt: Womit möchte ich mich wirklich beschäftigen – und was macht für mich wirklich Sinn? So bin ich schließlich zu Cultivari gGmbH im Norden gekommen. Hier habe ich gemerkt, dass biologisch-dynamische Züchtung noch viel weiter geht. Zu erleben, wie unterschiedlich Sorten auf Menschen wirken können – je nachdem, wie sie gezüchtet wurden – hat für mich die Tür zu einem neuen Kapitel geöffnet.
An welcher Kultur hast du zuletzt intensiv gearbeitet und was ist das Besondere an ihr?
Besonders ans Herz gewachsen sind mir die Wintererbsen. Erbsen sind sehr „extravertierte“ Pflanzen. Erstens wachsen sie am liebsten nicht allein auf dem Feld. Mit ihren Ranken suchen sie von Natur aus nach etwas, woran sie sich festhalten können. Getreide passt dafür sehr gut mit seinen stabilen, aufrecht wachsenden Halmen. Deshalb züchten wir Erbsen für den Gemengeanbau mit Getreide, mit dem sie ihr Potenzial besonders gut entfalten können. Mitte Mai stehen beide Kulturen oft so dicht zusammen, dass sie wie ein verflochtenes Geflecht wirken und den Boden darunter kühl und schattig halten. Beim Wachsen drehen Erbsen ihre Ranken ständig um sich selbst und greifen mal hier, mal dort nach Halt – ein bisschen wie Teenager, die neugierig ihre Umgebung erkunden.
Zweitens lohnt sich ein Blick auf die Blüten. Obwohl Erbsen überwiegend Selbstbestäuber sind, haben sie wunderschöne, süß duftende Blüten. Im Mai summt und brummt es im Zuchtgarten: Hummeln, Bienen, Käfer sind unterwegs, darüber fliegen Lerchen und Schafstelzen. Das Feld klingt dann wie ein kleines Orchester – und dieses Zusammenspiel mit den Insekten rundherum spielt für die Pflanze selbst eine sehr wichtige Rolle, die wir noch nicht vollständig verstehen. In der anthroposophischen Auffassung ziehen Leguminosen über den Kontakt mit Insekten astrale Kräfte über den Stickstoff in den Boden und übertragen diese auch auf den Menschen über die Nahrung. Manche Linien duften besonders süß und haben später einen sehr aromatischen, nussig-röstigen Geschmack.
Welche Superkraft braucht man als ökologisch arbeitende Pflanzenzüchterin?
Es fällt mir schwer, eine einzige zu nennen. Irgendwann habe ich einfach gespürt, dass es meiner Natur entspricht und mit ihr resoniert – und dass ich dazu beitragen möchte, dass der Zugang zu solchen „lebendigen“ Pflanzen, die von neuen Gentechniken unberührt sind, nicht verloren geht. Dabei sehe ich, wie tief Karl-Josef Müller hier bei Cultivari in den letzten 30 Jahren die biologisch-dynamische Herangehensweise in der Züchtung vertieft hat, und ich möchte, dass seine Arbeit nicht verloren geht, sondern weiterentwickelt wird. Vielleicht, eine Leidenschaft, das Schöne zu bewahren und zu stärken.
Es ist wichtig, in der Pflanze ein Wesen zu sehen, ihr mit dem Herzen zu begegnen und nach Entwicklungswegen zu suchen, die für die Pflanze und für den Menschen harmonisch sind.
Vielleicht ist die wichtigste Fähigkeit dabei die Wahrnehmung: die Fähigkeit, mit allen Sinnen zu beobachten, zu unterscheiden und immer wieder über neue Seiten der Pflanzen zu staunen, die sie uns zeigen. Daraus entsteht ganz natürlich die Inspiration, tiefer zu gehen – und auch die Kraft, die vielen anderen Teile des züchterischen Alltags sowie all die Herausforderungen unserer Zeit zu tragen.
Apropos: Wir suchen engagierte Züchterinnen und Züchter, die unser Team bei der Getreidezucht erweitern möchten. Bitte meldet euch gern bei Cultivari!
Züchterportrait im Januar – Sebastian Vornhecke
„Wer nicht selbst dicht an der Kultur arbeitet, dem offenbaren sich viele züchterische Fragen erst gar nicht.“
Anlässlich des 30jährigen Geburtstags des Saatgutfonds lassen wir an dieser Stelle monatlich ökologisch arbeitende Pflanzenzüchter*innen zu Wort kommen. Den Anfang macht Sebastian Vornhecke, der seit 2015 auf dem thüringischen Demeter-Betrieb Walsegarten als biologisch-dynamischer Gemüsezüchter tätig ist.
Warum bist du ökologischer Pflanzenzüchter geworden?
Schon als ich mich für eine Ausbildung in der Landwirtschaft entschied, war für mich klar, dass diese auf einem biologisch bewirtschafteten Betrieb stattfinden sollte. Auch in meiner weiteren beruflichen Entwicklung im Gemüsebau, habe ich konsequent auf Ökobetrieben gearbeitet. Auch an der Meisterschule in Dresden war es mir möglich, Öko-Themen zu bearbeiten.
Innerhalb der Gruppe, mit der ich schließlich den Hof kaufte, auf dem ich heute wirtschafte, bestand ein biographischer Bezug nach Bingenheim und die Idee, auf dem Betrieb auch biologisch-dynamisch Gemüsesaatgut zu vermehren. Ab dem ersten Besuch eines Initiativkreistreffens im Jahre 2010 bei Ulrike Behrendt und Annette Maaß ließ mich das Thema nicht mehr los. Daher habe ich seitdem keines dieser Treffen verpasst und mich dafür entschieden, die Kultursaat-Fortbildung in biologisch-dynamischer Gemüsezüchtung zu machen. Da die Gründergeneration bei Kultursaat e.V. erkannt hatte, dass es Nachwuchs braucht, um die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung in die Zukunft zu tragen, wurden wir nach der Fortbildung zunächst durch Übergabe von Erhaltungszüchtungen sowie Sortensichtungen an die Sache herangeführt. So entwickelte sich meine Begeisterung für die biologisch-dynamische Züchtung über das konkret-praktische Tun. Grundsätzlich entspricht mir aber auch, dass ich vom Gemüseanbau über die Vermehrung hin zur Züchtung „die Frage hinter der Frage“ beackere. Außerdem bringt mir das züchterische Arbeiten ein wunderbares Gleichgewicht von körperlicher und geistiger Arbeit. Denn wer nicht selbst dicht an der Kultur arbeitet, dem offenbaren sich viele züchterische Fragen erst gar nicht.
An welcher Kultur hast du zuletzt gearbeitet und was ist das Besondere daran?
Aktuell arbeite ich intensiv an Rotkohl, Steckrübe, Buschbohne, Kürbis und Salat.
Von diesen Kulturen scheint mir Rotkohl diejenige Kultur mit den größten Herausforderungen zu sein. Als Fremdbefruchter, der auf Inzucht mit Kleinwüchsigkeit reagieren kann, fordert er ein hohes Maß an Vitalität, die sich nur durch eine entsprechende genetische Vielfalt erhalten lässt. Gleichzeitig sind aber der Marktanspruch sowie die Kriterien der Sortenzulassung sehr vom Thema Einheitlichkeit geprägt. Auch der Klimawandel macht der Kultur sehr zu schaffen: Extreme Hitze und Dürreperioden haben in den vergangenen Jahren immer wieder schwierige Bedingungen für den Kohlanbau gebracht. Hier sind wir als Züchtende sehr gefordert, diesbezüglich möglichst robuste Sorten zu entwickeln.
Hierfür sind große Selektionsbestände nötig, weshalb ich froh bin, dass Familie Schoof auf ihren Flächen in Dithmarschen meine Zuchtlinien in ihren biologisch-dynamischen Anbau integriert und diese somit auch direkt in der Praxis getestet werden.
Bei selbstbefruchtenden, einjährigen Arten wie Buschbohnen scheint das gefasste Zuchtziel hingegen schneller in greifbare Nähe zu rücken. Die 2019 erfolgten Kreuzungen hatten in den Folgejahren eine spannende Vielfalt an Wuchstypen, Hülsenformen und Farben hervorgebracht. Nachdem jedes Jahr Einzelpflanzennachkommenschaften geprüft und aus den Interessantesten wiederum neue Einzelpflanzen selektiert wurden, kommen im Jahr 2026 gleich mehrere Linien in den Versuchsanbau.
Welche Superkraft braucht man als ökologische*r Pflanzenzüchter*in?
„Die Kunst ist es, im Chaos den Überblick nicht zu verlieren.“ Das gebe ich gerne mal meiner Tochter scherzhaft mit auf den Weg. Dieser Leitspruch lässt sich jedoch auch gut auf die Züchtung anwenden. Besonders nach einer Kreuzung zeigen die Pflanzen ein unglaubliches Spektrum von dem, was in Ihnen steckt bzw. möglich ist. Schon dies ist eine Art Chaos, in welchem es unsere Aufgabe ist, jene Pflanzen zu finden, aus denen sich letztlich Sorten mit hohen Qualitäten und guten Anbaueigenschaften entwickeln lassen. Doch auf dem Weg dorthin begegnen uns hunderte Tütchen mit Saatgut verschiedener Einzelpflanzen, hunderte Parzellen auf dem Feld, die es zu bonitieren gilt, wiederum hunderte Netzsäcke mit den geborgenen und noch zu dreschenden, neu selektierten Einzelpflanzen, und endlos scheinende Tabellen, die auf den ersten Blick ebenfalls nur nach Chaos aussehen.
Sich darauf einzulassen, nicht unterzugehen, sondern schließlich immer wieder ein klares Bild zu bekommen, wie und mit welchen Pflanzen es weitergeht, ist für mich immer wieder eine spannende Herausforderung der ich mich gerne stelle.