Züchterportraits
2026 feiern wir: 30 Jahre Saatgutfonds
Ab Januar 2026 stellen wir Ihnen hier monatlich eine*n Züchter*in vor. Die Züchter*innen und ihre Projekte werden über den Saatgutfonds gefördert. Wir möchten Ihnen so im Jubiläumsjahr des Saatgutfonds die Möglichkeit bieten, die Züchter*innen etwas genauer kennenzulernen. Das weitere Programm für das Jubiläumsjahr finden Sie hier.
Züchterportrait im Januar – Sebastian Vornhecke
„Wer nicht selbst dicht an der Kultur arbeitet, dem offenbaren sich viele züchterische Fragen erst gar nicht.“
Anlässlich des 30jährigen Geburtstags des Saatgutfonds lassen wir an dieser Stelle monatlich ökologisch arbeitende Pflanzenzüchter*innen zu Wort kommen. Den Anfang macht Sebastian Vornhecke, der seit 2015 auf dem thüringischen Demeter-Betrieb Walsegarten als biologisch-dynamischer Gemüsezüchter tätig ist.
Warum bist du ökologischer Pflanzenzüchter geworden?
Schon als ich mich für eine Ausbildung in der Landwirtschaft entschied, war für mich klar, dass diese auf einem biologisch bewirtschafteten Betrieb stattfinden sollte. Auch in meiner weiteren beruflichen Entwicklung im Gemüsebau, habe ich konsequent auf Ökobetrieben gearbeitet. Auch an der Meisterschule in Dresden war es mir möglich, Öko-Themen zu bearbeiten.
Innerhalb der Gruppe, mit der ich schließlich den Hof kaufte, auf dem ich heute wirtschafte, bestand ein biographischer Bezug nach Bingenheim und die Idee, auf dem Betrieb auch biologisch-dynamisch Gemüsesaatgut zu vermehren. Ab dem ersten Besuch eines Initiativkreistreffens im Jahre 2010 bei Ulrike Behrendt und Annette Maaß ließ mich das Thema nicht mehr los. Daher habe ich seitdem keines dieser Treffen verpasst und mich dafür entschieden, die Kultursaat-Fortbildung in biologisch-dynamischer Gemüsezüchtung zu machen. Da die Gründergeneration bei Kultursaat e.V. erkannt hatte, dass es Nachwuchs braucht, um die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung in die Zukunft zu tragen, wurden wir nach der Fortbildung zunächst durch Übergabe von Erhaltungszüchtungen sowie Sortensichtungen an die Sache herangeführt. So entwickelte sich meine Begeisterung für die biologisch-dynamische Züchtung über das konkret-praktische Tun. Grundsätzlich entspricht mir aber auch, dass ich vom Gemüseanbau über die Vermehrung hin zur Züchtung „die Frage hinter der Frage“ beackere. Außerdem bringt mir das züchterische Arbeiten ein wunderbares Gleichgewicht von körperlicher und geistiger Arbeit. Denn wer nicht selbst dicht an der Kultur arbeitet, dem offenbaren sich viele züchterische Fragen erst gar nicht.
An welcher Kultur hast du zuletzt gearbeitet und was ist das Besondere daran?
Aktuell arbeite ich intensiv an Rotkohl, Steckrübe, Buschbohne, Kürbis und Salat.
Von diesen Kulturen scheint mir Rotkohl diejenige Kultur mit den größten Herausforderungen zu sein. Als Fremdbefruchter, der auf Inzucht mit Kleinwüchsigkeit reagieren kann, fordert er ein hohes Maß an Vitalität, die sich nur durch eine entsprechende genetische Vielfalt erhalten lässt. Gleichzeitig sind aber der Marktanspruch sowie die Kriterien der Sortenzulassung sehr vom Thema Einheitlichkeit geprägt. Auch der Klimawandel macht der Kultur sehr zu schaffen: Extreme Hitze und Dürreperioden haben in den vergangenen Jahren immer wieder schwierige Bedingungen für den Kohlanbau gebracht. Hier sind wir als Züchtende sehr gefordert, diesbezüglich möglichst robuste Sorten zu entwickeln.
Hierfür sind große Selektionsbestände nötig, weshalb ich froh bin, dass Familie Schoof auf ihren Flächen in Dithmarschen meine Zuchtlinien in ihren biologisch-dynamischen Anbau integriert und diese somit auch direkt in der Praxis getestet werden.
Bei selbstbefruchtenden, einjährigen Arten wie Buschbohnen scheint das gefasste Zuchtziel hingegen schneller in greifbare Nähe zu rücken. Die 2019 erfolgten Kreuzungen hatten in den Folgejahren eine spannende Vielfalt an Wuchstypen, Hülsenformen und Farben hervorgebracht. Nachdem jedes Jahr Einzelpflanzennachkommenschaften geprüft und aus den Interessantesten wiederum neue Einzelpflanzen selektiert wurden, kommen im Jahr 2026 gleich mehrere Linien in den Versuchsanbau.
Welche Superkraft braucht man als ökologische*r Pflanzenzüchter*in?
„Die Kunst ist es, im Chaos den Überblick nicht zu verlieren.“ Das gebe ich gerne mal meiner Tochter scherzhaft mit auf den Weg. Dieser Leitspruch lässt sich jedoch auch gut auf die Züchtung anwenden. Besonders nach einer Kreuzung zeigen die Pflanzen ein unglaubliches Spektrum von dem, was in Ihnen steckt bzw. möglich ist. Schon dies ist eine Art Chaos, in welchem es unsere Aufgabe ist, jene Pflanzen zu finden, aus denen sich letztlich Sorten mit hohen Qualitäten und guten Anbaueigenschaften entwickeln lassen. Doch auf dem Weg dorthin begegnen uns hunderte Tütchen mit Saatgut verschiedener Einzelpflanzen, hunderte Parzellen auf dem Feld, die es zu bonitieren gilt, wiederum hunderte Netzsäcke mit den geborgenen und noch zu dreschenden, neu selektierten Einzelpflanzen, und endlos scheinende Tabellen, die auf den ersten Blick ebenfalls nur nach Chaos aussehen.
Sich darauf einzulassen, nicht unterzugehen, sondern schließlich immer wieder ein klares Bild zu bekommen, wie und mit welchen Pflanzen es weitergeht, ist für mich immer wieder eine spannende Herausforderung der ich mich gerne stelle.