Züchterportraits

2026 feiern wir: 30 Jahre Saatgutfonds

Ab Januar 2026 stellen wir Ihnen hier monatlich eine*n Züchter*in vor. Die Züchter*innen und ihre Projekte werden über den Saatgutfonds gefördert. Wir möchten Ihnen so im Jubiläumsjahr des Saatgutfonds die Möglichkeit bieten, die Züchter*innen etwas genauer kennenzulernen. Das weitere Programm für das Jubiläumsjahr finden Sie hier.

Züchterportrait im März – Maryna Voloshyna

„Es ist wichtig, in der Pflanze ein Wesen zu sehen, ihr mit dem Herzen zu begegnen und nach Entwicklungswegen zu suchen, die für die Pflanze und für den Menschen harmonisch sind.“

Während im März die Aussaatsaison auf den Betrieben beginnt, hat sich Maryna Voloshyna, die Zeit genommen, uns ein paar Fragen zu beantworten. Sie arbeitet als Pflanzenzüchterin für die Getreidezüchtungsinitiative Cultivari im wendländischen Darzau.

Warum bist du ökologische Pflanzenzüchterin geworden?
Während meines Studiums des Pflanzenbaus mit Schwerpunkt Pflanzenschutz – damals ganz selbstverständlich vor allem konventionell – habe ich mich immer wieder gefragt: Muss eine Kulturpflanze wirklich so viele Pflanzenschutzmaßnahmen und Mineraldüngungen bekommen, nur um am Ende Ertrag zu bringen? Die großen Agrarkonzerne wie Syngenta oder Bayer boten sofort ihre Lösungen an. Gleichzeitig zeigten schon die vielen Sicherheitsmaßnahmen beim Arbeitsschutz, dass dieses System doch gar nicht so harmlos ist.

Seit 2009 arbeite ich im Bio-Bereich – zuerst in Deutschland, später auch in der Ukraine – und versuchte meinen Weg zu finden, die Welt um mich herum harmonischer zu gestalten. Ökologisch, biologisch-dynamisch, Agroforst, Permakultur – verschiedene Ansätze auf der Suche nach mehr Balance.

Erst um 2021 wurde mir bewusst, dass der größte Teil der Bio- und sogar Demeter-Landwirte Sorten anbaut, die ursprünglich für den konventionellen Anbau gezüchtet wurden und ihre Leistung oft nur mit entsprechendem Input erreichen. Gleichzeitig gab es in meinem Land niemanden, der ökologisch züchtet und bei dem ich praktische Erfahrungen hätte sammeln können.

Dann kam der Krieg, und ich musste mit meinem Sohn fliehen. Zuerst habe ich noch alte Projekte zu Ende gebracht, danach habe ich mich gefragt: Womit möchte ich mich wirklich beschäftigen – und was macht für mich wirklich Sinn? So bin ich schließlich zu Cultivari gGmbH im Norden gekommen. Hier habe ich gemerkt, dass biologisch-dynamische Züchtung noch viel weiter geht. Zu erleben, wie unterschiedlich Sorten auf Menschen wirken können – je nachdem, wie sie gezüchtet wurden – hat für mich die Tür zu einem neuen Kapitel geöffnet.

An welcher Kultur hast du zuletzt intensiv gearbeitet und was ist das Besondere an ihr?
Besonders ans Herz gewachsen sind mir die Wintererbsen. Erbsen sind sehr „extravertierte“ Pflanzen. Erstens wachsen sie am liebsten nicht allein auf dem Feld. Mit ihren Ranken suchen sie von Natur aus nach etwas, woran sie sich festhalten können. Getreide passt dafür sehr gut mit seinen stabilen, aufrecht wachsenden Halmen. Deshalb züchten wir Erbsen für den Gemengeanbau mit Getreide, mit dem sie ihr Potenzial besonders gut entfalten können. Mitte Mai stehen beide Kulturen oft so dicht zusammen, dass sie wie ein verflochtenes Geflecht wirken und den Boden darunter kühl und schattig halten. Beim Wachsen drehen Erbsen ihre Ranken ständig um sich selbst und greifen mal hier, mal dort nach Halt – ein bisschen wie Teenager, die neugierig ihre Umgebung erkunden.

Zweitens lohnt sich ein Blick auf die Blüten. Obwohl Erbsen überwiegend Selbstbestäuber sind, haben sie wunderschöne, süß duftende Blüten. Im Mai summt und brummt es im Zuchtgarten: Hummeln, Bienen, Käfer sind unterwegs, darüber fliegen Lerchen und Schafstelzen. Das Feld klingt dann wie ein kleines Orchester – und dieses Zusammenspiel mit den Insekten rundherum spielt für die Pflanze selbst eine sehr wichtige Rolle, die wir noch nicht vollständig verstehen. In der anthroposophischen Auffassung ziehen Leguminosen über den Kontakt mit Insekten astrale Kräfte über den Stickstoff in den Boden und übertragen diese auch auf den Menschen über die Nahrung. Manche Linien duften besonders süß und haben später einen sehr aromatischen, nussig-röstigen Geschmack.

Welche Superkraft braucht man als ökologisch arbeitende Pflanzenzüchterin?
Es fällt mir schwer, eine einzige zu nennen. Irgendwann habe ich einfach gespürt, dass es meiner Natur entspricht und mit ihr resoniert – und dass ich dazu beitragen möchte, dass der Zugang zu solchen „lebendigen“ Pflanzen, die von neuen Gentechniken unberührt sind, nicht verloren geht. Dabei sehe ich, wie tief Karl-Josef Müller hier bei Cultivari in den letzten 30 Jahren die biologisch-dynamische Herangehensweise in der Züchtung vertieft hat, und ich möchte, dass seine Arbeit nicht verloren geht, sondern weiterentwickelt wird. Vielleicht, eine Leidenschaft, das Schöne zu bewahren und zu stärken.

Es ist wichtig, in der Pflanze ein Wesen zu sehen, ihr mit dem Herzen zu begegnen und nach Entwicklungswegen zu suchen, die für die Pflanze und für den Menschen harmonisch sind.

Vielleicht ist die wichtigste Fähigkeit dabei die Wahrnehmung: die Fähigkeit, mit allen Sinnen zu beobachten, zu unterscheiden und immer wieder über neue Seiten der Pflanzen zu staunen, die sie uns zeigen. Daraus entsteht ganz natürlich die Inspiration, tiefer zu gehen – und auch die Kraft, die vielen anderen Teile des züchterischen Alltags sowie all die Herausforderungen unserer Zeit zu tragen.

Apropos: Wir suchen engagierte Züchterinnen und Züchter, die unser Team bei der Getreidezucht erweitern möchten. Bitte meldet euch gern bei Cultivari!

Hintergrund: Das Team der Getreidezüchtungsforschung Darzau entwickelt unter biologisch-dynamischen Anbaubedingungen Kriterien für die Züchtung von Getreide im Hinblick auf die besonderen Bedingungen des ökologischen Anbaus und für eine umfassende Ernährung des Menschen. Aus dieser Arbeit entstehen neue Getreidesorten für die ökologische Landwirtschaft.

Die Züchterin auf dem Acker
Maryna Voloshyna; Foto: privat
Ein Feld mit blühenden Erbsen zwischen Getreide
Die Wintererbse Jorinde zusammen angebaut mit Wintertriticale; Foto: Maryna Voloshyna

Züchterportrait im Januar – Sebastian Vornhecke

Wer nicht selbst dicht an der Kultur arbeitet, dem offenbaren sich viele züchterische Fragen erst gar nicht.

Anlässlich des 30jährigen Geburtstags des Saatgutfonds lassen wir an dieser Stelle monatlich ökologisch arbeitende Pflanzenzüchter*innen zu Wort kommen. Den Anfang macht Sebastian Vornhecke, der seit 2015 auf dem thüringischen Demeter-Betrieb Walsegarten als biologisch-dynamischer Gemüsezüchter tätig ist.

Warum bist du ökologischer Pflanzenzüchter geworden?
Schon als ich mich für eine Ausbildung in der Landwirtschaft entschied, war für mich klar, dass diese auf einem biologisch bewirtschafteten Betrieb stattfinden sollte. Auch in meiner weiteren beruflichen Entwicklung im Gemüsebau, habe ich konsequent auf Ökobetrieben gearbeitet. Auch an der Meisterschule in Dresden war es mir möglich, Öko-Themen zu bearbeiten.
Innerhalb der Gruppe, mit der ich schließlich den Hof kaufte, auf dem ich heute wirtschafte, bestand ein biographischer Bezug nach Bingenheim und die Idee, auf dem Betrieb auch biologisch-dynamisch Gemüsesaatgut zu vermehren. Ab dem ersten Besuch eines Initiativkreistreffens im Jahre 2010 bei Ulrike Behrendt und Annette Maaß ließ mich das Thema nicht mehr los. Daher habe ich seitdem keines dieser Treffen verpasst und mich dafür entschieden, die Kultursaat-Fortbildung in biologisch-dynamischer Gemüsezüchtung zu machen. Da die Gründergeneration bei Kultursaat e.V. erkannt hatte, dass es Nachwuchs braucht, um die biologisch-dynamische Gemüsezüchtung in die Zukunft zu tragen, wurden wir nach der Fortbildung zunächst durch Übergabe von Erhaltungszüchtungen sowie Sortensichtungen an die Sache herangeführt. So entwickelte sich meine Begeisterung für die biologisch-dynamische Züchtung über das konkret-praktische Tun. Grundsätzlich entspricht mir aber auch, dass ich vom Gemüseanbau über die Vermehrung hin zur Züchtung „die Frage hinter der Frage“ beackere. Außerdem bringt mir das züchterische Arbeiten ein wunderbares Gleichgewicht von körperlicher und geistiger Arbeit. Denn wer nicht selbst dicht an der Kultur arbeitet, dem offenbaren sich viele züchterische Fragen erst gar nicht.

An welcher Kultur hast du zuletzt gearbeitet und was ist das Besondere daran?
Aktuell arbeite ich intensiv an Rotkohl, Steckrübe, Buschbohne, Kürbis und Salat.
Von diesen Kulturen scheint mir Rotkohl diejenige Kultur mit den größten Herausforderungen zu sein. Als Fremdbefruchter, der auf Inzucht mit Kleinwüchsigkeit reagieren kann, fordert er ein hohes Maß an Vitalität, die sich nur durch eine entsprechende genetische Vielfalt erhalten lässt. Gleichzeitig sind aber der Marktanspruch sowie die Kriterien der Sortenzulassung sehr vom Thema Einheitlichkeit geprägt. Auch der Klimawandel macht der Kultur sehr zu schaffen: Extreme Hitze und Dürreperioden haben in den vergangenen Jahren immer wieder schwierige Bedingungen für den Kohlanbau gebracht. Hier sind wir als Züchtende sehr gefordert, diesbezüglich möglichst robuste Sorten zu entwickeln.
Hierfür sind große Selektionsbestände nötig, weshalb ich froh bin, dass Familie Schoof auf ihren Flächen in Dithmarschen meine Zuchtlinien in ihren biologisch-dynamischen Anbau integriert und diese somit auch direkt in der Praxis getestet werden. 

Bei selbstbefruchtenden, einjährigen Arten wie Buschbohnen scheint das gefasste Zuchtziel hingegen schneller in greifbare Nähe zu rücken. Die 2019 erfolgten Kreuzungen hatten in den Folgejahren eine spannende Vielfalt an Wuchstypen, Hülsenformen und Farben hervorgebracht. Nachdem jedes Jahr Einzelpflanzennachkommenschaften geprüft und aus den Interessantesten wiederum neue Einzelpflanzen selektiert wurden, kommen im Jahr 2026 gleich mehrere Linien in den Versuchsanbau.

Welche Superkraft braucht man als ökologische*r Pflanzenzüchter*in?
„Die Kunst ist es, im Chaos den Überblick nicht zu verlieren.“ Das gebe ich gerne mal meiner Tochter scherzhaft mit auf den Weg. Dieser Leitspruch lässt sich jedoch auch gut auf die Züchtung anwenden. Besonders nach einer Kreuzung zeigen die Pflanzen ein unglaubliches Spektrum von dem, was in Ihnen steckt bzw. möglich ist. Schon dies ist eine Art Chaos, in welchem es unsere Aufgabe ist, jene Pflanzen zu finden, aus denen sich letztlich Sorten mit hohen Qualitäten und guten Anbaueigenschaften entwickeln lassen. Doch auf dem Weg dorthin begegnen uns hunderte Tütchen mit Saatgut verschiedener Einzelpflanzen, hunderte Parzellen auf dem Feld, die es zu bonitieren gilt, wiederum hunderte Netzsäcke mit den geborgenen und noch zu dreschenden, neu selektierten Einzelpflanzen, und endlos scheinende Tabellen, die auf den ersten Blick ebenfalls nur nach Chaos aussehen.
Sich darauf einzulassen, nicht unterzugehen, sondern schließlich immer wieder ein klares Bild zu bekommen, wie und mit welchen Pflanzen es weitergeht, ist für mich immer wieder eine spannende Herausforderung der ich mich gerne stelle. 

Hintergrund: Sebastian Vornhecke züchtet Gemüsekulturen als Mitglied von Kultursaat e.V. Unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins sind seit 1994 Züchter*innen organisiert, die sich der biologisch-dynamischen Forschung und Züchtung von Gemüse, Kräutern und Blumen zuwenden. Der Verein mit Züchtungsprojekten an verschiedensten Standorten in Deutschland wird jährlich durch den Saatgutfonds gefördert.

Sebastian Vornhecke steht auf dem Rotkohlfeld mit einem aufgeschnittenen Rotkohl in der Hand.
Sebastian Vornhecke bei der Züchtungsarbeit; Foto: Corinna Nieland
Susanne Schoof und Sebastian Vornhecke halten aufgeschnittene Steckrüben in der Hand. Sie stehen vor einem Schild mit dem Text darauf: Bio von Anfang an - ganz ohne Gentechnik.
Susanne Schoof und Sebastian Vornhecke mit der Steckrübensorte Hedwig; Foto: Susanne Schoof