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Züchterportrait im März – Maryna Voloshyna

„Es ist wichtig, in der Pflanze ein Wesen zu sehen, ihr mit dem Herzen zu begegnen und nach Entwicklungswegen zu suchen, die für die Pflanze und für den Menschen harmonisch sind.“

Während im März die Aussaatsaison auf den Betrieben beginnt, hat sich Maryna Voloshyna, die Zeit genommen, uns ein paar Fragen zu beantworten. Sie arbeitet als Pflanzenzüchterin für die Getreidezüchtungsinitiative Cultivari im wendländischen Darzau.

Warum bist du ökologische Pflanzenzüchterin geworden?
Während meines Studiums des Pflanzenbaus mit Schwerpunkt Pflanzenschutz – damals ganz selbstverständlich vor allem konventionell – habe ich mich immer wieder gefragt: Muss eine Kulturpflanze wirklich so viele Pflanzenschutzmaßnahmen und Mineraldüngungen bekommen, nur um am Ende Ertrag zu bringen? Die großen Agrarkonzerne wie Syngenta oder Bayer boten sofort ihre Lösungen an. Gleichzeitig zeigten schon die vielen Sicherheitsmaßnahmen beim Arbeitsschutz, dass dieses System doch gar nicht so harmlos ist.

Seit 2009 arbeite ich im Bio-Bereich – zuerst in Deutschland, später auch in der Ukraine – und versuchte meinen Weg zu finden, die Welt um mich herum harmonischer zu gestalten. Ökologisch, biologisch-dynamisch, Agroforst, Permakultur – verschiedene Ansätze auf der Suche nach mehr Balance.

Erst um 2021 wurde mir bewusst, dass der größte Teil der Bio- und sogar Demeter-Landwirte Sorten anbaut, die ursprünglich für den konventionellen Anbau gezüchtet wurden und ihre Leistung oft nur mit entsprechendem Input erreichen. Gleichzeitig gab es in meinem Land niemanden, der ökologisch züchtet und bei dem ich praktische Erfahrungen hätte sammeln können.

Dann kam der Krieg, und ich musste mit meinem Sohn fliehen. Zuerst habe ich noch alte Projekte zu Ende gebracht, danach habe ich mich gefragt: Womit möchte ich mich wirklich beschäftigen – und was macht für mich wirklich Sinn? So bin ich schließlich zu Cultivari gGmbH im Norden gekommen. Hier habe ich gemerkt, dass biologisch-dynamische Züchtung noch viel weiter geht. Zu erleben, wie unterschiedlich Sorten auf Menschen wirken können – je nachdem, wie sie gezüchtet wurden – hat für mich die Tür zu einem neuen Kapitel geöffnet.

An welcher Kultur hast du zuletzt intensiv gearbeitet und was ist das Besondere an ihr?
Besonders ans Herz gewachsen sind mir die Wintererbsen. Erbsen sind sehr „extravertierte“ Pflanzen. Erstens wachsen sie am liebsten nicht allein auf dem Feld. Mit ihren Ranken suchen sie von Natur aus nach etwas, woran sie sich festhalten können. Getreide passt dafür sehr gut mit seinen stabilen, aufrecht wachsenden Halmen. Deshalb züchten wir Erbsen für den Gemengeanbau mit Getreide, mit dem sie ihr Potenzial besonders gut entfalten können. Mitte Mai stehen beide Kulturen oft so dicht zusammen, dass sie wie ein verflochtenes Geflecht wirken und den Boden darunter kühl und schattig halten. Beim Wachsen drehen Erbsen ihre Ranken ständig um sich selbst und greifen mal hier, mal dort nach Halt – ein bisschen wie Teenager, die neugierig ihre Umgebung erkunden.

Zweitens lohnt sich ein Blick auf die Blüten. Obwohl Erbsen überwiegend Selbstbestäuber sind, haben sie wunderschöne, süß duftende Blüten. Im Mai summt und brummt es im Zuchtgarten: Hummeln, Bienen, Käfer sind unterwegs, darüber fliegen Lerchen und Schafstelzen. Das Feld klingt dann wie ein kleines Orchester – und dieses Zusammenspiel mit den Insekten rundherum spielt für die Pflanze selbst eine sehr wichtige Rolle, die wir noch nicht vollständig verstehen. In der anthroposophischen Auffassung ziehen Leguminosen über den Kontakt mit Insekten astrale Kräfte über den Stickstoff in den Boden und übertragen diese auch auf den Menschen über die Nahrung. Manche Linien duften besonders süß und haben später einen sehr aromatischen, nussig-röstigen Geschmack.

Welche Superkraft braucht man als ökologisch arbeitende Pflanzenzüchterin?
Es fällt mir schwer, eine einzige zu nennen. Irgendwann habe ich einfach gespürt, dass es meiner Natur entspricht und mit ihr resoniert – und dass ich dazu beitragen möchte, dass der Zugang zu solchen „lebendigen“ Pflanzen, die von neuen Gentechniken unberührt sind, nicht verloren geht. Dabei sehe ich, wie tief Karl-Josef Müller hier bei Cultivari in den letzten 30 Jahren die biologisch-dynamische Herangehensweise in der Züchtung vertieft hat, und ich möchte, dass seine Arbeit nicht verloren geht, sondern weiterentwickelt wird. Vielleicht, eine Leidenschaft, das Schöne zu bewahren und zu stärken.

Es ist wichtig, in der Pflanze ein Wesen zu sehen, ihr mit dem Herzen zu begegnen und nach Entwicklungswegen zu suchen, die für die Pflanze und für den Menschen harmonisch sind.

Vielleicht ist die wichtigste Fähigkeit dabei die Wahrnehmung: die Fähigkeit, mit allen Sinnen zu beobachten, zu unterscheiden und immer wieder über neue Seiten der Pflanzen zu staunen, die sie uns zeigen. Daraus entsteht ganz natürlich die Inspiration, tiefer zu gehen – und auch die Kraft, die vielen anderen Teile des züchterischen Alltags sowie all die Herausforderungen unserer Zeit zu tragen.

Apropos: Wir suchen engagierte Züchterinnen und Züchter, die unser Team bei der Getreidezucht erweitern möchten. Bitte meldet euch gern!
 

Hintergrund: Das Team der Getreidezüchtungsforschung Darzau entwickelt unter biologisch-dynamischen Anbaubedingungen Kriterien für die Züchtung von Getreide im Hinblick auf die besonderen Bedingungen des ökologischen Anbaus und für eine umfassende Ernährung des Menschen. Aus dieser Arbeit entstehen neue Getreidesorten für die ökologische Landwirtschaft.

Die Züchterin auf dem Acker
Maryna Voloshyna; Foto: privat
Ein Feld mit blühenden Erbsen zwischen Getreide
Die Wintererbse Jorinde zusammen angebaut mit Wintertriticale; Foto: Maryna Voloshyna

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