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Langzeitstudie belegt: Reichtum durch Artenvielfalt
Eine hohe Biodiversität ist von aller größter Bedeutung, um die Landwirtschaft und unsere Umwelt resilienter gegenüber Klimaveränderungen zu machen. Vergleichsstudien zeigen, dass der Ökolandbau eine deutlich höhere Biodiversität aufweist als die konventionelle Landwirtschaft. Langzeituntersuchungen auf der Domäne Frankenhausen (ökologischer Versuchsbetrieb der Uni Kassel) machen deutlich, dass noch mehr möglich ist. Ab dem Jahr 2007, knapp 10 Jahre nach der Umstellung auf ökologischen Landbau, wurden zusätzlich neue Hecken und Bäumen gepflanzt. Die über einen Zeitraum von 22 Jahren durchgeführten Insekten- und Vogelzählungen zeigen nun, wie sich die Populationen erholt und vergrößert haben. Zahlreiche Brutvögel und Schmetterlinge, darunter etliche gefährdete Arten mit negativen Bestandstrends in Deutschland, haben auf der Domäne Frankenhausen stark zugenommen.
Wir sprechen mit Dr. Daniela Guicking, der hauptverantwortlichen Wissenschaftlerin für die Projektrealisierung an der Universität Kassel:
Was waren die überraschendsten Ergebnisse der Studie?
Ich würde weniger von überraschenden als von eindrücklichen Ergebnissen sprechen. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es bislang so gut wie keine veröffentlichten Studien zur Langzeitentwicklung der Biodiversität auf einzelnen Betrieben oder in ausgewählten Regionen der offenen Agrarlandschaft. Unsere Studie stellt eine der ersten derartigen Datenreihen vor und zeigt sehr überzeugend, dass durch die Kombination von Ökolandbau und gezielten Naturschutzmaßnahmen, insbesondere der Anlage von Gehölzelementen, der Biodiversitätsverlust in der Agrarlandschaft nicht nur gestoppt, sondern sogar umgekehrt werden kann. Und das, obwohl die Domäne Frankenhausen ein sehr intensiv bewirtschafteter Ökobetrieb ist.
Kann man die Ergebnisse auf andere Betriebe übertragen?
Eine Übertragung der Ergebnisse auf andere Betriebe ist in der Gesamtheit sicherlich möglich. Der Verzicht auf synthetische Düngemittel und chemische Pflanzenschutzmittel, eine vielfältige Fruchtfolge, eine abwechslungsreiche Landschaft mit vielfältigen Strukturelementen, wie Hecken, artenreichen Säumen, Grünland mit Beweidung etc., tragen nachweislich zur Steigerung der Biodiversität in der Kulturlandschaft bei. Das gilt sicherlich für alle Regionen und Betriebsformen. Dass sich allerdings innerhalb von gut 20 Jahren die Brutvogelzahlen bereits mehr als verdoppelt und auch die Insektenbestände deutlich erholt haben, ist ein sehr positives Ergebnis, das zumindest teilweise den überdurchschnittlich günstigen Voraussetzungen auf der Domäne zuzuschreiben ist. Im Gegensatz zu kleineren oder nicht voll arrondierten Betrieben treten auf der Domäne Frankenhausen zum Beispiel negative Randeffekte durch umliegende nicht ökologisch bewirtschaftete Felder und Äcker weniger stark in Erscheinung. Auch dürfte die insgesamt abwechslungsreiche Landschaft um die Domäne Frankenhausen eine rasche Einwanderung von Arten aus angrenzenden Lebensräumen in die Untersuchungsflächen begünstigt haben. Die wichtigste Voraussetzung aber, um ähnliche Ergebnisse auch auf anderen Betrieben erzielen zu können, ist die Finanzierbarkeit gezielter Naturschutzmaßnahmen. Hier ist vor allem die Politik gefragt. Und auch in diesem Punkt bietet die Domäne Frankenhausen als Versuchsgut der Universität Kassel sicherlich besonders günstige Voraussetzungen, da auch Fördermittel aus Forschungsprojekten zur Verfügung standen, um biodiversitätsfördernde Maßnahmen zu erproben und umzusetzen.
Was bringt der Landwirtschaft der Reichtum an Vögeln und Insekten?
Im Rahmen von Studien wie der in Frankenhausen werden Daten zu bestimmten Organismengruppen nicht allein um ihrer selbst willen, sondern als sogenannte Bioindikatoren erhoben, die stellvertretend für viele andere – weniger leicht zu erfassende – Organismengruppen die Biodiversität einer Region widerspiegeln. Zum Beispiel ist eine hohe Brutvogeldiversität nur dort zu finden, wo unterschiedlichste pflanzliche Strukturen geeignete Nistplätze und Sitzwarten bieten und eine reiche Insekten- und Bodenfauna ausreichend Nahrung für die verschiedenen Brutvogelarten bereitstellt. Es geht also nicht nur um Brutvögel und Insekten, sondern um Biodiversität insgesamt, die auf ganz unterschiedliche Weise verschiedene sogenannte Ökosystemdienstleistungen erfüllt. Eine reiche Bodenfauna zum Beispiel verbessert die Bodenstruktur und fördert damit das Wurzelwachstum und den Ertrag von Kulturpflanzen, eine reiche Insektendiversität ist nicht nur für die Bestäubung vieler Kulturpflanzen von Bedeutung, sondern spielt auch in der ökologischen Schädlingsbekämpfung eine wichtige Rolle. Das sind nur zwei von vielen Beispielen. Je diverser die Artenzusammensetzung, desto vielfältiger die Ökosystemleistungen, die von den Organismen in einem Ökosystem erbracht werden und desto besser kann sich ein Ökosystem auch an sich ändernde Umweltbedingungen wie zum Beispiel die Folgen des Klimawandels anpassen.