Junge Menschen ausbilden
Inspirierende Tage auf dem Dottenfelderhof
Im Januar 2026 durfte ich mehrere Tage am Januarkurs der Landbauschule Dottenfelderhof in Bad Vilbel teilnehmen. Gemeinsam mit Auszubildenden der Biodynamischen Ausbildung aus den Regionen Ost und West habe ich vielfältige Einblicke in Inhalte und Praxis dieser besonderen Ausbildung erhalten.
Die Landbauschule Dottenfelderhof empfängt zweimal im Jahr jeweils zwei Ausbildungsgruppen für vier Wochen. Unterrichtseinheiten, Führungen und Zeit, um am eigenen Portfolio zu arbeiten, sorgen für abwechslungsreiche und kurzweilige „Schultage“. Bei der Führung zur Bewässerungstechnik und Heutrocknung zeigte der Landwirt Maschinen und Technik auf dem Hof, und es wurde gemeinsam über die Betriebsabläufe gesprochen. Am Mittwochmorgen ging es direkt in die Folientunnel, um über die Fruchtfolge im Gemüsebau sowie praktische Tipps und Tricks zu den Themen Bodenpflege, Pflanzabstände und Ernte zu sprechen. Abgerundet wurden diese Eindrücke durch abendliche Berechnungen zu Saatgut- und Kompostmengen, die die enge Verbindung von Praxis und Planung verdeutlichten.
Unter anderem kamen inhaltliche Impulse von Martin von Mackensen, der zur Stickstoffproblematik, zur historischen Einordnung sowie zur Tierhaltung und zur Mensch-Tier-Beziehung sprach. Besonders letzteres hat mich sehr berührt und knüpfte an ein Gespräch an, das ich am Vortag mit einer jungen Frau geführt hatte, die seit einem Jahr Kühe melkt und mir von ihrer Verbundenheit zu den Tieren erzählte.
Ein weiterer Schwerpunkt waren Agroforstsysteme mit Dr. Philipp Weckenbrock von der Universität Gießen. Er lernte tropische Systeme während seiner Auslandsaufenthalte in Bolivien und Brasilien kennen und übertrug sie im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität Gießen auf den Gladbacherhof und damit auf die deutsche Kulturlandschaft. Zwischendurch schauten wir uns bei einem ausführlichen Rundgang den Obstbau und die Heckenstrukturen auf dem Dottenfelderhof an.
Dr. Johannes Wirz, Biologe und Imker, sowie ehemaliger Leiter der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum und langjähriger Vorstand von Mellifera e. V., führte uns in die beeindruckende Welt der Bienen ein und weckte Begeisterung für diese intelligenten Insekten und ihre Organisationsform.
Neben den aktuellen und relevanten Inhalten im Ökolandbau war für mich der Austausch mit den Auszubildenden besonders bereichernd. Ihre Erfahrungen aus der Praxis und die gemeinsamen Diskussionen haben gezeigt, wie vielfältig die Wege in der Landwirtschaft sind und dass Lernorte, die den Austausch fördern, für die persönliche und berufliche Entwicklung von wesentlicher Bedeutung sind.
Vielen Dank an die Deutsche Postcode Lotterie, die die Biodynamische Ausbildung seit 2019 regelmäßig fördert. Auch im Ausbildungsjahr 2025/2026 wurden die Kurse an der Landbauschule Dottenfelderhof sowie die Ausbildungsberatung, die die Ausbilder*innen sowie Auszubildenden vor Ort begleitet, unter anderem durch diese Förderung ermöglicht.
Vielen Dank an die Deutsche Postcode Lotterie für die Förderung im Ausbildungsjahr 2025/2026!
Mit Hingabe und Mut für gute Lebensmittel
Im Mai 2024 erregte eine Meldung von wirGarten (1) Aufsehen in der Gemüsebau-Szene. Für einen Gemüsebau-Betriebe konnte trotz intensiver Suche keine einzige Bewerbung für die Hofnachfolge verbucht werden. Daraufhin hat sich das Team von wirGarten mit dem Bildungsangebot im Gemüsebau auseinandergesetzt und festgestellt, dass im Ausbildungsjahrgang 2023 bundesweit nur 159 Plätze besetzt waren – bei rund 6.000 Gemüsebaubetrieben in Deutschland. Dass das nicht reicht, um alle Betriebe mit Fachkräften zu versorgen, ist eine nachvollziehbare Konsequenz.
Auch in der Landwirtschaft fehlt Nachwuchs. Auf 255.000 landwirtschaftliche Betriebe, davon rund 28.000 Bio-Betriebe (2), wurden im Jahr 2022 6.900 Ausbildungsverträge (3) gezählt. Gleichzeitig geben rund 63 % der Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter über 55 Jahre an, bisher keine Nachfolgeregelung zu haben. Dies betrifft rund 110.000 Betriebe (4). Auch hier fehlt es an ausgebildeten Fachkräften, die in den nächsten 10 Jahren Verantwortung in der Landwirtschaft übernehmen können.
Die Gründe für die niedrigen Ausbildungszahlen sind vielfältig, aber einige wichtige Aspekte lassen sich kurz zusammenfassen:
- Das Höfesterben setzt sich seit vielen Jahren fort. Es gibt immer mehr große Betriebe, die kleineren Höfe weichen dem wirtschaftlichen Druck.
- Fehlendende gesellschaftliche Anerkennung, finanzielle Unsicherheiten und eine hohe Arbeitsbelastung machen den Beruf Landwirtin/ Landwirt weniger attraktiv.
- Immer weniger Menschen haben einen echten Bezug zur Landwirtschaft und zur Lebensmittelproduktion.
Erste Ausbildung im Ökolandbau
Schon in den 70er Jahren machten sich biologisch-dynamische Betriebe Gedanken um ihren Nachwuchs. Da die staatliche landwirtschaftliche Ausbildung wesentliche Grundgedanken und Aspekte des Ökolandbaus nicht thematisierte, gründeten biologisch-dynamisch wirtschaftende Höfe und Gärtnereien schon im Jahr 1978 die Freie Landbauschule Bodensee. 1983 folgte dann die sogenannte „freie Ausbildung“ in Norddeutschland. Weitere Ausbildungsinitiativen kamen über die Jahre hinzu und seit 2019 koordiniert das Netzwerk Biodynamische Bildung vier Ausbildungsregionen. Zusätzlich gibt es weiterhin das Angebot der Landbauschule Bodensee, seit 2023 sogar einen Meisterkurs.
Obwohl die Biodynamische Ausbildung mit jährlich rund 200-250 Auszubildenden und 250 Ausbildungsbetrieben ein zahlenmäßig eher kleines Angebot schafft, ist sie für den Ökolandbau von großer Bedeutung. Neben den jungen Menschen, die sich für die Landwirtschaft entscheiden, engagieren sich auch zahlreiche Ausbildungsbetriebe in der Bildungsarbeit, über die Betreuung ihrer Auszubildenden hinaus. So ist über die Jahre ein starkes Netzwerk, immer eng an der Praxis orientiert, gewachsen, welches gemeinsam aktuelle Herausforderungen meistert und als kleine und vielfältige Bildungsinitiative viel bewegt.
Aktuell befindet sich z.B. die Ausbildung im Norden in der Anerkennung als Ersatzschule. Nach der dreijährigen Übergangszeit kann die Biodynamische Ausbildung dort mit Unterstützung staatlicher Fördermittel als private Alternative zur staatlichen Berufsschule besucht werden. Bisher wird die Bildungsarbeit fast ausschließlich durch Spenden und Stiftungsmittel ermöglicht.
Umfrage unter den Auszubildenden fällt positiv aus
Im Jahr 2023 stießen Auszubildende der Biodynamischen Ausbildung eine Umfrage (5) unter allen Auszubildenden an, um gemeinsame Herausforderungen zu identifizieren. Es zeigte sich, dass die allermeisten mit dem Arbeits- und Betriebsklima zufrieden sind und ihnen die Arbeit Freude bereitet. Aber auch unbequeme Themen wie lange Arbeitszeiten sowie körperliche und psychische Belastung beschäftigen sie und werden nun gemeinsam mit kritischen Anmerkungen bearbeitet, um die Bedingungen zu verbessern.
Und das ist auch das Besondere an der Biodynamischen Ausbildung: Neben den fachlichen und praktischen Inhalten werden auch Eigeninitiative und Mut zur Veränderung vermittelt - wesentliche Fähigkeiten zur Gestaltung einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.